Hilfe, meinen Kindern ist langweilig! – Über die Langeweile
Unsere kleine Schule ist seit heute verwaist. Wir sitzen im Kollegenkreis beim Frühstück, genießen die Ruhe und ja – wir vermissen die schulische Geschäftigkeit mit den Kindern schon jetzt. Sie inspirieren uns, fordern uns, bringen uns an unsere persönlichen Grenzen, ständig denken wir darüber nach, welche Angebote und welcher organisatorische Rahmen für die Gruppe nun sinnvoll wären. Jetzt fällt das alles für eine lange Zeit in unserem Pädagogenalltag weg.


Was nun? –
Pause – stille werden – kann man fühlen, wie das ist, erst mal nichts zu tun zu haben? Ich glaube, das ist im Kern auch das, was Kinder meinen, wenn sie sagen oder zeigen: Mir ist langweilig!

Jetzt merken wir den Teil in uns, der sich gebraucht fühlen und anerkannt werden möchte. Die Leere, die entsteht, wird meist als Langeweile etikettiert und ist für Ungeübte anfänglich unangenehm. Ein Scheidemoment zwischen Rückzug und Kreativität.
Deswegen fliehe auch ich gerne in Geschäftigkeit („ Das muss ich heute unbedingt tun!“) und Unterhaltung, auch wenn ich mir mit einem guten Buch oder Vortrag von Richard David Precht die gehobene Unterhaltung wichtig rede.


Wir haben die Chance in diesem erwartungsfreien Raum, den Teil in uns, der unsere Persönlichkeit ausmacht, besser kennen zu lernen. Was will ich wirklich?


“Tu, was du willst, das bedeutet doch, dass ich alles tun darf, wozu ich Lust habe, meinst du nicht?”
Graógramáns Gesicht sah plötzlich erschreckend ernst aus und seine Augen begannen zu glühen.
“Nein”, sagte er mit jener tiefen, grollenden Stimme, “es heißt, dass du deinen wahren Willen tun
sollst. Und nichts ist schwerer.” “Meinen wahren Willen?”, wiederholte Bastian beeindruckt. “Was ist
das?” “Es ist dein eigenes tiefstes Geheimnis, das du nicht kennst.” “Wie kann ich es denn
herausfinden?” “Indem du den Weg der Wünsche gehst, von einem zum andern und bis zum letzten.
Das wird dich zu deinem wahren Willen führen.” Aus: Eine unendliche Geschichte.Michael Ende.


Die Kinder, mit denen wir uns über die Arbeit und das Miteinander in der Schule so verbunden fühlen, werden nun zu Hause mit mindestens einem Elternteil ihren Tag verbringen. Ich erlebe einige Eltern, die die Langeweile ihrer Kinder fürchten. Schwimmbäder, Spaßevents und Großeltern sind derzeit nicht verfügbar. Müssen Eltern jetzt die Aufgaben der Schule übernehmen?


Nein – müssen sie nicht!
Eltern müssen die Aufgaben von Eltern übernehmen. Es ist die Hauptaufgabe von Eltern, das fundamentale Bedürfnis ihrer Kinder nach Nähe, Sicherheit, Fürsorge, Nahrung, Kleidung und Schlaf zu befriedigen. Und das ist in der Summe keine Kleinigkeit und auch in normalen Zeiten keine Selbstverständlichkeit.
Viele Kinder werden die Aufgabenzettel ihrer Lehrer gerne in die Hand nehmen und erledigen – so wie ich gerne Kreuzworträtsel löse. Es könnte nur passieren, dass auch das irgendwann langweilig wird. Spätestens dann üben Sie mit ihren Kindern Langeweile. Darin haben wir ein wenig Erfahrung.

Wir organisieren uns im Schuljahr immer wieder angebotsfreie Tage oder im Advent sogar Wochen. Jedes Mal spüren wir im pädagogischen Team diesen Moment des Loslassens vom schulinternen Rahmenplan und unsere eigenen Unsicherheiten. Wir wissen nicht, wie es werden wird. Und jedes Mal sind wir überrascht, wie kreativ und nachhaltig diese Zeiten des Miteinanders auch für die Lernarbeit der Kinder und Pädagogen erlebbar werden. Es sind die Zeiten, in denen sich Forschergeist entwickelt mit Fragen, die in keinem Lehrplan stehen. „Kann man Ketschup selber machen?“ Es sind die Zeiten, in denen Kinder ihren persönlichen Ausdruck im Schreiben, Malen, kreativ Gestalten, Musizieren suchen und finden.

Unsere Erfahrung: Langeweile dauert im Miteinander mit Kindern meist nicht wirklich lange. Zwischen 13 und 15 kann sie allerdings schon mal unendlich lange dauern. Besonders, wenn die Kinder in echter Langeweile ungeübt sind, also schon im Kindesalter Langeweile durch jede Form von Bespaßung durch die Erwachsenen scheinbar vermieden wurde.

Wir haben auch im Team oft erfahren, dass es sinnvoll ist, Zeit in der Schule mit den Kollegen und den Materialien zu verbringen, ohne dass man etwas zu tun hat, die fachliche Langeweile riskieren und der Leere vertrauen, die den „Weg der Wünsche“ möglich macht.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien die belebende Wirkung der Nach-Langeweile-Zeit!

Textautor: Schulleiterin der Gemeinschaftsschule

im Kloster Stift zum Heiligengrabe